18. Brief an Herrn S.

31. August 2010

Mein Herr S.,

ich wollte Sie nur kurz davon in Kenntnis setzen, dass ich meinen Kuraufenthalt beendet habe, und mich bereits wieder meiner Arbeit widme – befinde mich also gegenwärtig in meinem Sommerhaus am Gallitzinberg. Ich möchte Ihnen etwas sagen:

4.000, das ist ja unfassbar, 4.500, es knallt gerade, 4.600, 4.800, wir sind bei 5.000 euro, seht ihr diesen rekord, ich habe es schon schnell gesehen, aber so schnell noch nicht. 5.600, guck dir das mal an, zuschlag, es hat geklingelt, hat zugeschlagen, oh, da ist auch ein fehler drin, das gibts ja gar nicht, reden wir chinesisch? kinder, es geht um 5 deutsche städte, eine wanne voller geld, 5.800 euro, dass graz keine deutsche stadt ist, hab ich schon gesagt, leute, wien natürlich auch nicht, wie weit sind wir? weit über 5.800, wir sind schon bei 6, wenn es schon zwei falsch hatten, dann sind die chancen gut, wenn man sagt: komm, ich hab sie, ich würd das gern auflösen für die kohle, also bei 6.000 spielen wir weiter, das geld ist heute auf ihrem konto! wollen sie die haben? sitzen sie vor dem fernseher und wollen sie die haben? 5, so leute, jetzt richtig, 4, sie müssen hingucken, 3, achtung, 2, das ist die telefonnummer, per handy, sms, 1, auf die plätze, los! geldband läuft wieder an, nein! mir wird schlecht, nein! siehst du die scheine!!! 500, 200, 500, 500!!! wir müssen das irgendwie anhalten!!! ich denke, dass das langsamer läuft, wenn ich drauf stehe, ich stell mich drauf, das läuft viel zu schnell! wir sind schon bei 9.000, das muss doch aufhören! eine wanne voller geld, leute, wir sind bei 10.000, guck mal, was zwischen meinen beinen läuft, mal ehrlich, gucken sie sich das mal an, ach du scheiße, leute, sie müssen das hier richtig haben, 12.500, wer soll denn das alles zählen? sitzt irgend jemand vor dem fernseher? bei wieviel sind wir? bei 14.000, 14-4, 14-5, 6, 7, guck dir das an, die liegen alle 3-fach, 4-fach, 5-fach hier, das geld kann heute auf ihrem konto sein!!! das ist unfassbar! das hab ich noch nicht gesehen! das muss ein fehler sein, das läuft zu schnell, da stimmt doch was nicht, guck dir das doch mal an, der dreht schon durch, 16.200, ich flipp gleich aus, völliger rückstau, leute, wir sind bei über 17-tausend, ich kann nicht mehr mitzählen, ich hab alles erlebt schon, aber das noch nicht, sie müssen konzentriert auf das gitter gucken, guck dir das mal an, da, stop! wieviel haben wir da jetzt drin? 20.000? wieviele städte haben sie gefunden? ganz wichtig, nicht wien, nicht graz sagen, deutsche städte, zwei zuschauer haben schon die falsche antwort gesagt, noch zwei minuten, und wenn dann niemand durchgestellt wurde, dann noch mehr geld, ich dreh durch, ich dreh durch, wir sind bei über 20.000 euro, genauso kann es auf ihrem wohnzimmertisch aussehen, das ist echtes geld, wenn diese uhr abläuft, dann passiert irgend etwas, mehr geld, oder irgend etwas, wer wählt? 30, 29, leute, himmel!, sagen sie ihre lösung! ihre 5 deutschen städte, achtung, so die letzten 5 sekunden, 5, 4, 3, 2, 1, null, 25.000 euro, ist jetzt scheißegal, sie können morgen auf die bank gehen, die kohle holen, auto kaufen, und fertig, als beispiel, die kohle ist innerhalb von wenigen stunden da, das erste mal anrufen, einfach der richtige moment, 25.000 euro sicher, heute auf ihrem konto, garantiert, 5 deutsche städte, da drin stehen sie, das kann ganz schnell passieren, 25.000 sicher, garantiert, kein jackpot, kinder! sehen sie das ganze geld, das hier rumliegt? sie kriegen das als echtes geld, sie kriegen das heute auf ihr konto!!! und diese 25.000 sind garantiert, vielleicht jetzt! auf einmal kommt der zuschlag, meistens dann, wenn man nicht damit rechnet, meistens immer…

Besten Gruß,
Ihr Herr H.

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Pool und so…

27. August 2010

http://www.flickr.com/photos/bananenfisch/sets/72157624808828094/

lex fleisch fleisch

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17. Brief an Herrn S.

26. August 2010

Bester Herr S.,

es beruhigt und bestätigt mich als Experten meines Fachs, dass ich Sie auf eine für Ihre sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten zuträglichen Dosis einstellen konnte. Sie brauchen mich wirklich nicht um Entschuldigung bitten, treuer Freund, dass Sie mich “liebstes Jesuskind” nannten – ganz im Gegenteil: tatsächlich bin ich das liebste Jesuskind; Sie können mich gerne auch weiterhin so heißen.

Auf jedem Kongress betone ich stets die Wichtigkeit dieses simplen Prinzips, des Verdoppelungsprinzips der Dosierung, und doch gibt es immer noch Zweifel an meinen Behandlungsmethoden, obwohl auch Sie sich, Herr S., in die lange Reihe meiner psychiatrisch erfolgreich therapierten Patienten reihen. Eine Angstneurose würde ich prinzipiell nie mit anderen Methoden als mit geeigneter Psychopharmaka behandeln – das wäre unverantwortlich. Nur die kleinsten, schwächsten Neurosen, die man gemeinhin vermutlich gar nicht als Störung bezeichnen würde, kämen für eine alternative Therapie in Frage – aber selbst dann sind etwa Benzodiazepine das Mittel der Wahl. Bei solch ganz und gar leicht verdaulichen Angststörungen aber konnte ich auch schon das eine oder andere Male mit einer anderen Methode Besserung herbeiführen, die ich Ihnen gerne ausführen kann, mein lieber Herr S. Wie Sie sicherlich selbst schon beobachten konnten, geht eine so genannte irrationale Angst meist mit einer gewissen Distanzierung der betreffenden Person gegenüber der allgemeinen Realität einher, wobei wir dabei vor der Frage stehen, ob diese sich entfernende Person nicht viel mehr näher bei sich, und also bei der Wahrheit ist – dann wäre die Wahrheit selbst das angstmachende Problem. Aber lassen wir das beiseite und konzentrieren uns auf die Bekämpfung des Symptoms: wenn ein Patient bemerkt, dass ihm die Realität langsam entgleitet (beispielsweise bei einem Spaziergang in der Natur, bei Gesprächen mit Freunden, beim Sport, und so fort), empfehle ich den einfachen Trick, sich der allgemeinen Realität wieder zuzuwenden, sich etwa in Ruhe vor den Computerbildschirm zu setzen, um ein wenig im Internet zu surfen, Nachrichten zu lesen, Pornos zu schauen oder dergleichen; alternativ eignet sich das Fernsehgerät: Nachrichtensendungen, Boulevardmagazine, Sportübertragungen – am besten live ausgestrahltes Programm, das das Gefühl der unmittelbaren Teilhabe an der allgemeinen Realität vermittelt. Meine letztes Jahr veröffentlichte Studie über Häufungen von psychiatrischen Notfällen (für die ich übrigens vergangene Woche mit dem großen goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet wurde), hat belegt, dass in den Tagen der asiatischen Tsunami-Katastrophe im Jahre 2004 in ganz Westeuropa kein einziger psychiatrischer Notruf abgesetzt wurde, da es an diesen Tagen gänzlich unmöglich war, sich der allgemeinen Realität zu entziehen. Auf der anderen Seite hat sich gezeigt, dass die Notrufleitstellen in Stunden eines Stromausfalls fast ausschließlich psychiatrische Notrufe entgegen nehmen. Schließlich liegt die Selbstmordrate in Gegenden mit flächendeckender Kabel- und Internetversorgung, sowie mit stabilem Stromnetz dramatisch unterdurchschnittlich.

Nun, lieber Herr S., ich möchte Sie dennoch auf die Wichtigkeit der Medikamente hinweisen. Ganz ohne Medikamente einen Zugang in die Realität und aus der Krankheit heraus zu finden, ist ein großes Risiko. Ich habe in meinen ersten Jahren als junger Arzt mehrfach den Fehler begangen, die oben beschriebene Methode ohne die Einnahme von Psychopharmaka zu verordnen und bin kläglich gescheitert. Nicht nur, dass viele meiner Patientinnen und Patienten noch geistesgestörter wurden, als sie es schon waren, hatten einige von ihnen auch noch die falschen Medien konsumiert, oder sich in einem braunen Sumpf verirrt (ich hatte vergessen, wie viele wir davon haben). Noch heute plagt mich mein schlechtes Gewissen; täglich verschicke ich kiloweise Alprazolam und Haloperidol, beispielsweise an Maria Fekter, doch haben meine ehemaligen Patientinnen und Patienten heute offensichtlich kein Krankheitsbewusstsein mehr.

Wir alle machen Fehler, mein guter Stalin, nur manche lernen daraus. Sie, wie ich – Sie sind ein vorbildlicher Patient, nehmen stets, was ich auftrage.

In Freundschaft,
Ihr Herr H.

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Erlaufsee

24. August 2010

Erlaufsee Erlaufsee

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16. Brief an Herrn S.

23. August 2010

Lieber Herr S.,

zunächst muss ich mich einmal mehr bei Ihnen entschuldigen, doch Sie wissen, wo ich die letzten Monate verbracht habe. Selbstverständlich habe ich mich dort nicht behandeln lassen – ich habe mich dort selbst behandelt. Der Arzt ist der letzte, der an Heilung Interesse hat, würde ihm damit schließlich ein Kunde abhanden kommen. Die Heilung ist ebenso zu vermeiden, wie auch der Tod; möchten Sie sich heilen, können Sie sich gleich umbringen. Die Heilung und der Tod – das ist ein und dasselbe. Der einzige Dienstleister, auf den Sie sich verlassen können, ist der Bestatter. Um Ihnen, mein geschätzter Herr S., jedoch gleich die Antwort auf die Frage, die sich Ihnen jetzt gerade stellt, zu geben, sage ich Ihnen, dass ich Sie nicht als Kunde, sondern als Freund, wie Sie wissen, behandle. Heilung verspreche ich ohnehin nicht – nicht einmal den Tod kann ich Ihnen versprechen.

Nun, ich befinde mich gegenwärtig in St. Sebastian am Erlaufsee, um mich an meine Rückkehr in die Hölle zu gewöhnen – schön ist es hier. Ich habe mir die 143 Briefe, die Sie mir in meiner Abwesenheit geschickt haben, mitgenommen und habe sie bereits gelesen; allerdings verstehe ich keinen einzigen Satz, von denen, die Sie mir geschrieben haben. Es freut mich jedoch außerordentlich, dass Sie mich in einigen Ihrer Briefe mit “liebstes Jesuskind” ansprechen. Immerhin lassen die Briefe darauf schließen, dass Sie die Zeit meiner Geisteskur, in der mir jede Korrespondenz unmöglich war, weitgehend unbeschadet überstanden haben. Wie ich annehme, haben Sie meine Anweisungen für den Notfall, wie in meinem Brief vom 13. März 2010 geäußert, vorbildlich befolgt. Es wird Sie endlich tief beruhigen, dass ich Ihnen nun wieder zur Verfügung stehe; ich hatte mich in den vergangenen Monaten wohl etwas übernommen. Einige meiner Projekte habe ich mittlerweile an meine Studentinnen abgegeben, um mich persönlich nur noch um die wichtigsten Projekte kümmern zu müssen – hier stehen viele meiner Arbeiten unmittelbar vor großen Durchbrüchen. Die wissenschaftliche Gemeinde hat es kaum erwarten können, mich nach meinem Zusammenbruch wieder produktiv zu sehen, wohl wissend, dass kaum jemand meiner Geisteskapazitäten vergleichbaren, die für meine Arbeiten obligat sind, aufzubringen vermag. Von meinen Arbeiten werde ich Ihnen, wie gewohnt, laufend berichten. Auch werde ich mit Ihren Ärzten eine Umstellung ihrer Medikation besprechen, damit Sie, mein geschätzter Herr S., wieder zu einer adäquaten Sprache finden.

Ich möchte diesen Brief zwar noch nicht schließen, merke aber, wie die 60mg Zolpidem, die ich eingenommen hatte, bevor ich mit diesem Brief begonnen habe, ihre Wirkung entfalten, und werde mich also schon… schön… achja… “Angst ist geil” wollte ich noch sagen, weil jemand gestorben ist.

Aus der Hölle,
Ihr liebstes Jesuskind

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Kroatien

16. August 2010

… ein paar Bilder aus Krk und Rijeka…

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11.-15. Brief an Herrn S.

25. Juli 2010

Nach der gelungenen Sendung auf Ö1 reiche ich hiermit die an dieser Stelle noch fehlenden Briefe nach (während draußen unter meinem Fenster besoffene Jugendliche, oder gar schon Erwachsene, herumgrölen, ich also gleich zu meiner Steinschleuder greife). Weitere Briefe folgen, sobald Herr H. entlassen sein wird.

 

11. Brief an Herrn S.
Samstag, 13. März 2010

unzustellbar

 

12. Brief an Herrn S.
Montag, 29. März 2010

Lieber Freund, Herr S.,

Ihre Frage, ob der Tod nicht das ideale Ende sei, gibt Anlass zur Sorge. Zunächst möchte ich Ihnen allerdings sagen, Herr S., dass es richtig ist, sich mit solchen Fragen an mich zu wenden, bevor Sie sie selbst beantworten, und dabei nicht den gesamten Horizont im Blick haben. Sie haben Recht, wenn Sie nun denken, dass auch ich die Gesamtheit nicht denken kann, ich möchte Sie aber an die Nebenwirkungen sämtlicher Medikamente, die ich Ihnen verschrieben habe, erinnern: “Häufig: ungewöhnliche Träume … Gefühl der Entfremdung sich selbst und der Realität gegenüber”. Sie könnten jetzt einwenden, Herr S., dass nicht Sie sich von der Realität, sondern sich die Realität von Ihnen entfremdet hat. Auch damit mögen Sie Recht haben, wir können aber nicht die Realität ins Irrenhaus einliefern (zumindest nicht solange die Realität keine Person ist), während Sie Zuhause bleiben und fernsehen. Und doch schätzen wir beide die Realität des Irrenhauses als notwendige Katharsis – diesen Umstand sollten Sie nie außer Acht lassen.

Um Ihre Frage zu beantworten, kann ich Ihnen versichern, dass der Tod mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das ideale Ende ist – zumindest nicht für Sie, mein guter Freund. Wie Sie wissen habe ich mich die letzten zwanzig Jahre fast ausschließlich damit beschäftigt, einen Algorithmus für die sichere Prognose des Verlaufs von Geisteskrankheiten zu finden (wofür ich letztes Jahr auch den Nobelpreis für Physiologie erhalten habe), und ich darf Ihnen schon verraten, dass sich die Ergebnisse der aktuellen Version meines Programms bestätigt haben. Der Kode ist gefunden. Nun, mein treuer Herr S., ich habe Ihnen versprochen, Ihnen Ihre Daten zukommen zu lassen, was auch passieren wird, sobald sie in eine lesbare Form verarbeitet worden sind. Heute soll es genügen, zu sagen, dass Ihre Geisteskrankheiten nicht zum selbst gewählten Tod führen werden – es ist anhand der Ergebnisse weiters gar nicht klar, ob Sie, Herr S., überhaupt sterben werden. Ich bin nicht sicher, ob Sie dieses Ergebnis freut.

Bevor ich diesen Brief schließe, möchte ich Sie nochmals darum bitten, mir keine Ausscheidungen mehr zu schicken. Ich habe, wie bereits angemerkt, ausreichend Material.

Ihr dienender
Herr H.

 

13. Brief an Herrn S.
Dienstag, 30. März 2010

Verehrter Herr S.,

es ist mir heute gelungen, die Maschine, die ich seit dreißig Jahren entwickle, in Betrieb zu nehmen: der Teilchenbeschleuniger. Jetzt beginnt wirklich ein neues Zeitalter, wir können nun wirklich die Wirklichkeit der Wirklichkeit nachweisen! Mein lieber Herr S., ich hoffe, Sie können meine Euphorie verstehen – meine Experimente haben auch für Sie einen großen Nutzen: mit der Hilfe meiner Maschine ist es mir nun möglich, den Ursprung sämtlicher Geisteskrankheiten zu entschlüsseln. Indem zwei Protonen auf Lichtgeschwindigkeit gegengleich beschleunigt und zur Kollision gebracht werden, können wir die Prozesse, die im Gehirn der Geisteskranken stattfinden, simulieren. Sie sind selbiger Natur. Geschätzter Freund, ich muss Sie allerdings noch um ein wenig Geduld bitten – bis ich Ihnen die exakten Ergebnisse präsentieren kann, müssen wir noch die Ergebnisse der von mir speziell entwickelten Computerprogramme abwarten. Die Computer werden uns sagen, was zu tun ist.

Nun, ich werde Ihnen unverzüglich die ersten Resultate zukommen lassen, sobald die Rechenprozesse abgeschlossen sind.

Ihr getriebener
Herr H.

 

14. Brief an Herrn S.
Dienstag, 13. April 2010

Bester Herr S.,

ich stehe am Rande des Abgrunds, ich habe seit zwei Wochen nicht mehr geschlafen – die Ergebnisse sind absurd! Sie besagen, dass die Zeit immer schon rückwärts läuft, was bedeutet, dass wir immer schon die Ursachen mit ihren Wirkungen verwechselt haben. Ich war zunächst davon überzeugt, einen Fehler produziert zu haben (besser gesagt: die Computer), jedoch bestätigen sämtliche Gegenrechnungen die ersten Resultate. Das ist äußerst fatal, ich möchte zwar keine Panik erzeugen, aber es ist in der Tat äußerst fatal, die Fatalität kann nicht mehr überboten werden, es ist sozusagen der Idealzustand der Fatalität erreicht. Gäbe es eine göttliche Idee der Fatalität, wären unsere Resultate die Verwirklichung dieser Idee. Ich möchte Ihnen die technischen Details ersparen, nur die einzig logische Konsequenz soll Sie, mein Herr S., interessieren: meine Maschinen hätten damit nicht mehr den Zweck, sämtliche Geisteskrankheiten der Menschheitsgeschichte zu ergründen, sondern im Gegenteil, sämtliche Geisteskrankheiten der Menschheitsgeschichte gäbe es nur wegen meiner Maschinen. Können Sie sich das vorstellen? Ich nicht.

Sie werden sich jetzt fragen, Herr S., ob ich diese Erkenntnis in die Berechnungen inkludiert habe – die Erkenntnis des rückwärtigen Verlaufs. Selbstverständlich habe ich das, und es ist der eigentliche Grund für meinen eigenen Sturz in den Abgrund: Sie werden es nicht glauben, Herr S., aber wenn ich diesen Umstand in meinen Berechnungen berücksichtige, erhalte ich genau das umgekehrte Ergebnis, dürfte damit aber diesen Umstand nicht mehr berücksichtigen, was mich wiederum zur Berücksichtigung des Umstands zwingt. Ganz richtig: ein Paradoxon. Verständlicherweise ist mein gegenwärtiger Geisteszustand dem entsprechend. Ich musste heute bereits 30mg Lorazepam zu mir nehmen und höre seit geschlagenen sieben Stunden in einer Dauerschleife France Gall: “Der Computer Nummer drei sucht für mich den richtigen Boy, und die Liebe ist garantiert für beide dabei…”

Jetzt kommt sogar ein Putzwagen die Straße hinauf gefahren: links und rechts drehende Bürsten und Wasser, das herausspritzt. Eine spritzende Putzmaschine. Darin sitzt ein… es ist ein Mann, der am Lenkrad sitzt. Auch eine Maschine. Eine Putzmaschinenbedienungsmaschine, die die Putzmaschine mit Vollgas die Straße entlang peitscht, denn dahinter fährt die Rettung mit Blaulicht. Ich hoffe, sie kommt zu mir.

Ich melde mich bei Ihnen,
Ihr Herr H.

 

15. Brief an Herrn S.
Donnerstag, 29. April 2010

Geschätzter Herr S.,

ich sitze gerade vor dem Pavillon auf einer Bank, um Ihnen zu schreiben. Ich darf rausgehen – ich bin Arzt. Außerdem habe ich mich selbst eingeliefert, ich bin schließlich nicht gefährlich, meine ich. Im Gegenteil: die Gefahr umgibt mich in einer derart bedrohlichen Weise, dass ich Gitterstäbe um mich herum aufstellen musste, um mich vor dem Untergang zu schützen. Da bin ich nun, eingesperrt – genau wie Sie, mein lieber Freund, Herr S. Aber ich habe mich aussperren lassen, also ins Irrenhaus einliefern, wie ich Ihnen bereits einmal erklärt habe. “Sie machen eh immer das Richtige. In der Realität machen Sie alles richtig. Mit der Realität kommen Sie wunderbar zurecht.” Das hatte die gute Frau Liebknecht (Sie kennen sie) immer zu mir gesagt. Ich weiß allerdings nicht, von welcher Realität sie gesprochen hatte. Ich weiß es nicht, Gott weiß es nicht, und der metaphysische Clown lacht – er lacht mich aus, und er lacht auch Sie aus, mein bester und treuer Freund Herr S.

Ihr Herr H.

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schöne Gewitter

19. Juli 2010

Erstes von der Höhenstraße aus, Zweites am Fenster…

blitze über wien haus gegenüber gewitter

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tote worte

19. Juli 2010

stopfen wir uns voll mit tabletten vor lauter angst. das ist ganz einfach. wir sind ohnehin emotionslos, isoliert und automatisiert. jede gefühlsregung ist ohnehin stumpf und mechanisch, ohnehin schon von außen unterdrückt in ihrer anormalität. aber irgendwann lehnt sich das innen auf, gegen diese unterdrückung, dann funktioniert das alles nicht mehr. dann ist auf einmal nichts mehr stumpf und mechanisch, dann sind da überall messerscharfe klingen, die unter strom stehen, die in unsere schädel eindringen, uns wie blitze aus dem nichts treffen, und unsere gehirne zum zucken bringen. da ist mal wieder einer ausgezuckt. stopfen wir ihn voll mit tabletten, er ist zu sehr bei sich, der arme mensch. wer spricht da zu ihm? wir können es nicht sein. wir sprechen nicht mehr, unsere worte sind längst tot, unsere toten worte schicken wir nur noch über drähte. jeder spricht für sich allein, stumm, das immergleiche vor sich hin. ein anderer klaubt sie nachher auf, die toten worte von der toten erde, irgendwann, wenn sie nichts mehr bedeuten. stopfen wir ihn voll, den armen menschen, der da zuckt. und nun klaubt sie auf, diese toten worte, die nichts mehr bedeuten, und stopft euch voll, mit euren tabletten…

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WÖRTER.See – Ö1 Literaturwettbewerb

01. Juli 2010

Tja, wer hätte das gedacht: meine bisherigen Briefe an den lieben Herrn S. wurden ausgezeichnet. Ich nämlich hätte gedacht, ich bekäme dafür einen Wissenschaftspreis, stattdessen finde ich mich unter den neun Gewinnerinnen und Gewinnern des WÖRTER.See Literaturwettbewerbs von Radio Ö1. Umso besser! Ich fordere daher alle auf, am Dienstag, dem 13. Juli 2010, um 21:00 Uhr Ö1 zu hören – da werden die Briefe zum Hörspiel.

Ö1 schreibt:

Es soll ja vorkommen, dass das Verrückte normal und das Normale verrückt ist. Und es soll auch vorkommen, dass Ärzte die Kontrolle verlieren. Zunächst über sich und dann über ihre Patienten. Im Siegertext des 1981 geborenen Schriftstellers Kurt Fleisch steht die Welt auf dem Kopf. Ausschließlich per Brief therapiert ein vermeintlicher Psychiater und Gehirnphysiologe, der sich für einen Nobelpreisträger hält, einen Patienten, Herrn S.

Er verordnet postalisch Benzodiapezine, Haloperidol und andere Antipsychotika, unternimmt haarsträubende Selbstversuche, entwickelt seltsame Maschinen und empfiehlt das Irrenhaus als Schutzhaus und als Ort der Ruhe und Stabilität. Die wortgewaltigen und mit pseudowissenschaftlichen Versatzstücken durchsetzten Briefe bilden eine groteske, aber in sich schlüssige Realität ab. Und zeigen, dass das, was wir Wirklichkeit nennen, nicht mehr ist als ein auf Konventionen beruhendes fragwürdiges Konstrukt.
(http://oe1.orf.at/programm/244786)

 

Und natürlich sollten alle Siegertexte gehört werden, die da wären:

- 6. Juli: Laura Freudenthaler: “Le Crâne, der Schädel”
- 13. Juli: Kurt Fleisch: “Briefe an Herrn S.”
- 20. Juli: Karl Kreiner: “Sunna ‘93″
- 27. Juli: Jessica Lind: “Ich träume vom Sehen”
- 3. August: Margit Mössmer: “Gerda in London”
- 10. August: Marion P.: “Flipper”
- 17. August: Johannes Tröndle: “Das Zeitmesser”
- 24. August: Milos Wächter: “ausbrechen”
- 31. August: Magda Woitzuck: “Hollywood”

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