Archiv für die Kategorie ‘briefe an s.’

Richtungsding – Zeitschrift für junge Gegenwartsliteratur

Dienstag, 21. Juni 2011

Richtungsding

Die Ausgabe III der Zeitschrift Richtungsding ist von Harald Gerhäußer und Jan-Paul Laarmann herausgegeben worden. Ich freue mich, dass einige meiner Briefe darin erschienen sind!

Platz gefunden haben nicht nur ältere, bereits bekannte Briefe:

brief1

… auch bisher unbekannte sind dabei:

brief2

Ich bedanke mich.
Einfach bestellen, hier: http://www.richtungsding.com/bestellung.htm

Wo sind die Briefe?

Sonntag, 17. Oktober 2010

Tatsächlich erreichen mich täglich mehrere Dutzend Anfragen bezüglich weiterer Briefe, und selbstverständlich schreibe ich fortwährend weitere Briefe an Herrn S. (der allerdings psychisch bedingt darauf kaum zu reagieren scheint), doch habe ich mich dazu entschlossen, sie vorerst nicht zu veröffentlichen, da es günstiger ist, die gesammelten Briefe, wenn sie irgendwann ein Ende erreicht haben werden, auf einen Schlag, bestenfalls sogar materiell, also gedruckt, zu veröffentlichen (oder auch einzelne spezielle, dann aber in spezieller Form, versteht sich).

Ich stelle jedoch meinen Mitschnitt der von Radio Ö1 produzierten Sendung, in der Stephan Rehm die ersten 15 meiner Briefe liest, online (sollte jemand von Ö1 etwas gegen diesen unverschämten Copyright-Verstoß einzuwenden haben, bitte ich um E-Mail)…

Briefe an Herrn S. (1-15) von Kurt Fleisch, Sprecher: Stephan Rehm, Regie: Katharina Weiss.

8. Brief an Herrn S.

Freitag, 12. Februar 2010

Sehr geehrter Herr S.,

zunächst muss ich mich bei Ihnen entschuldigen, Sie so lange auf meinen Brief warten zu lassen. Mein Diener M. ist nicht in Konstantinopel angekommen – während der Reise ist bei ihm eine hochgradige Manie ausgebrochen (er bezeichnet sich jetzt als „Dr. Phallus“ und befindet sich gegenwärtig immer noch im Osten Ungarns, um dort mit bloßen Händen eine fünfzig Meter hohe Penis-Skulptur zu errichten). Nun, nach meiner heutigen Ankunft in Wien musste ich erstens auf den Opernball. Es ist ein Skandal, dass ich heuer der einzige Demonstrant war! Sie, mein lieber Herr S., sind selbstverständlich entschuldigt, da der Aufbau des Bunkers äußerst kräfteraubend ist, wie ich weiß. Dankenswerterweise haben Sie es tatsächlich vollbracht, während meiner Abwesenheit, den Alprazolambestand auf 350g aufzustocken! Ich werde dies in meinem Empfehlungsschreiben berücksichtigen.

Ich hatte in Konstantinopel kaum eine freie Minute. Meine Vorträge über die Ergebnisse meiner Studie „Neuroleptika bei Säuglingen“ wurden begeistert aufgenommen. Sie werden gerne hören, dass ich zudem alle unsere Ziele erreicht habe: ich konnte mir einige MRT-Geräte ansehen, bestellte schließlich ein Ultrahochfeld-System mit einer Feldstärke von 12 Tesla. Es steht bereits in meinem Wohnzimmer. Der Kryostase betreffend werden nächste Woche drei Stickstofftanks geliefert. Ich werde Ihnen die genauen Spezifikationen nachliefern, aus Gründen der knappen Zeit soll es hier genügen anzumerken, dass wir bald vollständig ausgestattet sein werden, wie ich Ihnen versichern kann.

Sie werden verstehen, Herr S., wenn ich Ihnen von meinen persönlichen Erfahrungen später berichte – ich muss mir erst einen neuen Diener suchen.

Ihr erschöpfter
Herr H.

5. Brief an Herrn S.

Dienstag, 12. Januar 2010

Mein lieber Freund Herr S.,

ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der hellen Köpfe. Ich kann Ihnen daher nur dringend raten, Ihre tägliche Dosis Haloperidol und Propofol zu verdoppeln, wenn Sie sich nicht wieder der Gesellschaft entziehen und also ins Irrenhaus wollen. Wie Sie wissen, Herr S., ist einer der tragenden Thesen meiner Habilitationsschrift, dass die Notwendigkeit von Sedativa im direkten Verhältnis zum Verstandesvolumen der betreffenden Person steht. Die Schwelle, das ist der Grenzwert der Intelligenz eines Menschen, unterhalb dessen er sich ohne Sedativa in die Gesellschaft als Marionettentheater einzugliedern vermag, ist dabei im Sinken begriffen. Ich möchte Ihnen damit sagen, Herr S., dass wir heute in einer Welt leben, in der selbst der Dumme (etwa der mechanische Mensch, der Automat, die Puppe, der ausführende Arm, und so weiter) häufig eine gewisse Dosis sedierender Gaben benötigt. Wie sollen also Sie, Herr S., ohne die zehnfache Dosis nur einen einzigen Tag überstehen?

Ich bedanke mich für Ihren ergreifenden Brief und möchte Ihnen sagen, dass der Schritt aus dem Irrenhaus immer sehr schmerzhaft ist. Es ist, als würde man von einem Freudenhaus direkt ins Zuchthaus geworfen. Das Irrenhaus ist wahrlich ein Freudenhaus, und das Freudenhaus ein Irrenhaus. Wir sind aber ausgesperrt, eingesperrt im Zuchthaus. Sperren Sie sich ins Klo ein, Herr S. Ich sperre mich gerne ins Klo ein, das Klo ist ein wenig wie das Irrenhaus. Sämtliche Zustände und Regungen des Gemüts, die ich mit dem Klo verbinde, sind positiv gefärbt. Das Klo ist ein äußerst angenehmer Ort. Sperren Sie sich ins Klo, Herr S., niemand wird Sie stören. Wenn Sie jemand anrufen will, müssen Sie nicht abheben, wenn Sie gerade am Klo sitzen. Am Klo gibt es keinen Bildschirm, bestenfalls auch kein Fenster, keine Geräusche, keinen Text, keine Bilder, und hier, am Klo, müssen Sie nur eines, wenn Sie müssen, Sie müssen sich erleichtern, vom Dreck, der Ihnen tagtäglich hineingestopft wird, und sonst müssen Sie nichts. Es gibt tatsächlich Menschen, die den Rest ihres Lebens eingesperrt im Klo verbringen, insbesondere wenn ihnen der Zugang zur psychiatrischen Medizin verwehrt ist. Zuerst zwanzig Jahre Darsteller im Marionettentheater, dann vierzig Jahre Scheißen am Klo.

Nun, falls Sie doch wieder ins Irrenhaus wollen, fahre ich Sie gerne jederzeit hinauf. Hinauf – wie bei der Himmelfahrt! In der Hoffnung, dass Ihnen meine Ratschläge Erleichterung bringen, muss ich meinen Brief jetzt schließen, da ich aufs Klo muss, aber freue mich bereits, wie immer, auf Ihren nächsten Bericht.

Ihr Herr H.

4. Brief an Herrn S.

Donnerstag, 07. Januar 2010

Lieber Herr S.,

ich sage Ihnen, Herr S., seien Sie froh, im Irrenhaus zu sein! Denn hier, in der wirklichen Welt, kann man sich seines Lebens nicht mehr sicher sein. Wenn Sie denken, dass sich der Terrorismus auf Flughäfen und Flugzeuge, die sich zwischen zwei Flughäfen in der Luft befinden, beschränkt, dann irren Sie sich gewaltig. Am gestrigen Dreikönigs-Feiertag (ich wollte gerade den Schwan, der fortwährend „Alle Verbindungen gelten nur jetzt“ zu mir sagt, schlachten und braten) standen tatsächlich drei Terroristen vor meiner Haustüre – Islamisten. Ein Schwarzer war auch dabei. Ganz richtig, Sie lesen recht. Sie trugen eine wohl im arabischen Raum übliche Tracht, wodurch ich sie dem Islam zugehörig identifizieren konnte, und waren mit einem Speer bewaffnet. Meines Nachbars Eingangstüre hatten sie schon für ihren nächsten Anschlag mit irgendwelchen kodierten, unlesbaren Zeichen markiert („20 – C-M-B – 10“). Ich weiß nicht, was Sie gemacht hätten, mein geschätzter Herr S., doch ich habe wohl das einzig Richtige getan. Als die drei Terroristen auch noch zu singen begannen (ich vermute, irgendein Gebetslied des Muezzin), habe ich, wie es in unserem Land üblich ist, das Feuer eröffnet – zuerst auf den Schwarzen, selbstverständlich, den ich da auch erschossen habe. Die anderen beiden sind jeweils mit einem Oberschenkeldurchschuss davon gekommen. Sie können sich vorstellen, Herr S., dass ich danach nicht mehr fähig war, den Schwan zu schlachten. Stattdessen musste ich die fünffache Tagesdosis Alprazolam einnehmen. Alle Verbindungen gelten nur jetzt. jetzt. jetzt.

Nun, trotz all dem wünsche ich Ihnen alles Gute für Ihre heutige Entlassung, und natürlich auch viel Glück für Ihr Bewerbungsgespräch für die Stelle als Customer Focus Manufacturing Manager bei Lidl. Ich habe für Ihre Rückkehr bereits alles vorbereitet: die Hausapotheke ist vollständig gefüllt: SSRIs, SNRIs, NDRIs, Benzodiazepine, Neuroleptika, Opiate und Butyrophenone, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Leninbüste steht gereinigt auf Ihrem Nachttisch, die Hanns Eisler Platte ist bereits am Plattenspieler positioniert und wartet dort auf Sie, um gespielt zu werden.

Ihre Ankunft freudig erwartend,
Ihr Herr H.

1. Brief an Herrn S.

Montag, 28. Dezember 2009

Lieber Herr S.,

es war richtig, dass Sie mir sofort eine Nachricht zukommen haben lassen. Allerdings kann ich Ihrem Wunsch nicht nachkommen, bei Ihnen noch heute eine Lobotomie durchzuführen. Wir sollten diesen Schritt zunächst sehr sorgfältig überlegen, auch wenn ich die Dringlichkeit Ihres Problems gut nachvollziehen kann. Ich verstehe Sie tatsächlich, Herr S., ich sage Ihnen, selten war mein Wunsch, im Irrenhaus zu sein, größer als heute. Es gibt sehr schöne Irrenhäuser hier in Wien, wie Sie wissen.
Ich empfehle Ihnen, täglich die dreifache Dosis Haloperidol einzunehmen, am Besten gleich morgens, noch bevor Sie ins Büro fahren. Vielleicht können wir auf diese Weise von der Lobotomie nochmals absehen. Ich möchte Sie auch inständig darum bitten, auf die Versuche, sich selbst zu lobotomisieren, vorerst zu verzichten.

Ich erwarte Ihren nächsten Bericht,
Ihr Herr H.