Archiv für Juli 2010

tote worte

Montag, 19. Juli 2010

stopfen wir uns voll mit tabletten vor lauter angst. das ist ganz einfach. wir sind ohnehin emotionslos, isoliert und automatisiert. jede gefühlsregung ist ohnehin stumpf und mechanisch, ohnehin schon von außen unterdrückt in ihrer anormalität. aber irgendwann lehnt sich das innen auf, gegen diese unterdrückung, dann funktioniert das alles nicht mehr. dann ist auf einmal nichts mehr stumpf und mechanisch, dann sind da überall messerscharfe klingen, die unter strom stehen, die in unsere schädel eindringen, uns wie blitze aus dem nichts treffen, und unsere gehirne zum zucken bringen. da ist mal wieder einer ausgezuckt. stopfen wir ihn voll mit tabletten, er ist zu sehr bei sich, der arme mensch. wer spricht da zu ihm? wir können es nicht sein. wir sprechen nicht mehr, unsere worte sind längst tot, unsere toten worte schicken wir nur noch über drähte. jeder spricht für sich allein, stumm, das immergleiche vor sich hin. ein anderer klaubt sie nachher auf, die toten worte von der toten erde, irgendwann, wenn sie nichts mehr bedeuten. stopfen wir ihn voll, den armen menschen, der da zuckt. und nun klaubt sie auf, diese toten worte, die nichts mehr bedeuten, und stopft euch voll, mit euren tabletten…

WÖRTER.See – Ö1 Literaturwettbewerb

Donnerstag, 01. Juli 2010

Tja, wer hätte das gedacht: meine bisherigen Briefe an den lieben Herrn S. wurden ausgezeichnet. Ich nämlich hätte gedacht, ich bekäme dafür einen Wissenschaftspreis, stattdessen finde ich mich unter den neun Gewinnerinnen und Gewinnern des WÖRTER.See Literaturwettbewerbs von Radio Ö1. Umso besser! Ich fordere daher alle auf, am Dienstag, dem 13. Juli 2010, um 21:00 Uhr Ö1 zu hören – da werden die Briefe zum Hörspiel.

Ö1 schreibt:

Es soll ja vorkommen, dass das Verrückte normal und das Normale verrückt ist. Und es soll auch vorkommen, dass Ärzte die Kontrolle verlieren. Zunächst über sich und dann über ihre Patienten. Im Siegertext des 1981 geborenen Schriftstellers Kurt Fleisch steht die Welt auf dem Kopf. Ausschließlich per Brief therapiert ein vermeintlicher Psychiater und Gehirnphysiologe, der sich für einen Nobelpreisträger hält, einen Patienten, Herrn S.

Er verordnet postalisch Benzodiapezine, Haloperidol und andere Antipsychotika, unternimmt haarsträubende Selbstversuche, entwickelt seltsame Maschinen und empfiehlt das Irrenhaus als Schutzhaus und als Ort der Ruhe und Stabilität. Die wortgewaltigen und mit pseudowissenschaftlichen Versatzstücken durchsetzten Briefe bilden eine groteske, aber in sich schlüssige Realität ab. Und zeigen, dass das, was wir Wirklichkeit nennen, nicht mehr ist als ein auf Konventionen beruhendes fragwürdiges Konstrukt.
(http://oe1.orf.at/programm/244786)

 

Und natürlich sollten alle Siegertexte gehört werden, die da wären:

– 6. Juli: Laura Freudenthaler: „Le Crâne, der Schädel“
– 13. Juli: Kurt Fleisch: „Briefe an Herrn S.“
– 20. Juli: Karl Kreiner: „Sunna ’93“
– 27. Juli: Jessica Lind: „Ich träume vom Sehen“
– 3. August: Margit Mössmer: „Gerda in London“
– 10. August: Marion P.: „Flipper“
– 17. August: Johannes Tröndle: „Das Zeitmesser“
– 24. August: Milos Wächter: „ausbrechen“
– 31. August: Magda Woitzuck: „Hollywood“