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Ein Arzt

Sonntag, 29. Dezember 2013

Ein angesehener Arzt mittleren Alters wurde spätnachts von der Frau des emeritierten Professors angerufen, die in größter Aufregung um Hilfe bat, da es „schon wieder angefangen hatte“, wie sie sagte, „diesmal noch schlimmer“. Der Arzt sicherte zu, sich unverzüglich auf den Weg zu dem Haus des Ehepaars, das entlegen, weit außerhalb der Stadt direkt am Waldrand lag, zu machen. Eine halbe Stunde später öffnete die Frau dem Arzt die Türe – „er ist im Schlafzimmer“. Der Arzt fand den Professor im Bett sitzend vor, seine Augen weit geöffnet, das Nachthemd von Schweiß durchtränkt. „Wie fühlen Sie sich?“, fragte der Arzt. „Sehen Sie aus dem Fenster, dann werden Sie es verstehen.“ Der Arzt ging zum Fenster, und sah in die Nacht. Er öffnete es, und sein Blick wanderte aufmerksam von links nach rechts, von unten nach oben. Doch er konnte nichts sehen, bloß die Dunkelheit der Nacht und einen klaren Sternenhimmel. „Und, was sagen Sie?“ „Nichts, da ist nichts“, antwortete der Arzt. Der Professor stand auf, blieb vor dem Fenster stehen und deutete hinaus. „Sehen Sie doch! Da ist es, direkt vor Ihren Augen!“ Der Arzt schüttelte den Kopf. „Was sollte ich denn sehen?“, fragte er. „Also das ist doch nicht zu übersehen – sind auch Sie verrückt geworden? Nun sehen Sie doch! Sie sind doch genauso verrückt. Alle meinen, ich sei verrückt, dabei sind Sie genauso verrückt, wie all die anderen, wenn Sie das nicht sehen können!“ Die Frau, die an der Türschwelle stand, sah den Arzt sorgenvoll an. „Was meinen Sie, Herr Doktor?“ „Dasselbe wie das letzte Mal, nicht Frau Professor?“ „Ja“, sagte sie. Der Arzt verabreichte dem Professor ein Beruhigungsmittel, und versprach, am nächsten Abend nochmals vorbeizuschauen, um die weiteren Schritte zu besprechen. „Wird das wieder aufhören?“, fragte die Frau. Das könne er noch nicht sagen, doch es werde sich schon ein Weg finden, so der Arzt, bevor er sich verabschiedete. Der Arzt fuhr am Heimweg entlang des Waldes, als er vor der Kurve, die am Horizont vom Schlafzimmerfenster des Professors aus gerade noch zu sehen war, seinen Wagen anhielt. Er stieg aus, holte aus dem Kofferraum eine Pistole, und erschoss sich ohne zu zögern mitten auf der Landstraße. Am nächsten Morgen brachte die Frau des Professors das Frühstück ans Bett. „Wie geht es dir?“, fragte sie. Der Professor stand auf und ging zum Fenster. „Nichts, da ist nichts. Es ist nichts zu sehen“, sagte er.